Samstag, 20. April 2013

Tag 25-28: Selva Negra- Die Schwarzwaldklinik


Nachdem uns der 6-Uhr-Bus aus Masaya in die Vormittagshitze der nördlichen Stadt Matagalpa entlassen hat, erholten wir uns auf einem Zwischenstopp im Eiscafé. Es schien Tilia leider nicht so gut zu gehen, daher entschieden wir uns gegen einen stressigen Aufenthalt in der staubigen Kaffee-Stadt mit ihren vielen Autos und lauten Händlern und fuhren noch einige Kilometer weiter nach Norden.
Die Straße erklimmt in sanften Kurven das Bergland von Jinotega, wo wir im Nebelwald auf angenehme Temperaturen hoffen dürfen. Für drei Nächte dürfen wir Gäste sein im Öko-Resort "Selva Negra", zu deutsch: Schwarzwald. Dort kann sich am ersten Tag unsere Tilia und am folgenden Tag der Papa von einer kleinen Magen-Darm-Grippe erholen. Zum Glück haben wir Kohletabletten und reichlich Bananen dabei. =)





Die Gäste (bzw. in unserem Falle: die Patienten) der Öko-Finka "Selva Negra" genießen dank der 1300m Höhe ein angenehm kühles, leicht feuchtes Klima und eine üppige Nebelwald-Natur. Die Namensgeber des "Schwarzwaldes" folgten im ausklingenden 19. Jahrhundert einem Ruf der nicaraguanischen Regierung, die den Kaffeeanbau des Landes entwickeln sollte. So emigrierte auch die süddeutsche Familie Kühl, die im Jahre 1880 ca. 9km² (900 Ha) Land in der fruchtbaren Hochebene erwarben, um dort eine Kaffeeplantage zu begründen.
Der damalige Auswanderer und Ingenieur Eddie Kühl war ausserdem Mitglied eines Interessenverbandes nicaraguanischer Kaffeebauern, die die Bohnen aus dem Hochland an einen Seehafen transportieren wollten. Und so importierte man 1904 eine ausrangierte Eisenbahn aus dem deutschen Kaiserreich, montierte aus Ermangelung eines Schienennetzes breite Eisenreifen und transportierte den Kaffee per Zug über die staubigen Straßen bis ans Meer. Während der Regenzeit versank das Monstrum allerdings hoffnungslos im Schlamm, weswegen das Vorhaben nach wenigen Jahren aufgegeben wurde.


Von unserem Zimmer blickten wir über Kaffeepflanzen, die zwischen Bananenpalmen und Mangobäumen im Halbschatten gedeihen. Weniger als die Hälfte des Grundstückes werden zum Anbau feinsten Bio-Arabicas genutzt. Der Rest des Besitzes ist ursprünglicher Nebelwald.


In den Gewächshäusern der Finka gedeihen Obst und Gemüse für die 250 festen Arbeiter der Plantage... und natürlich junge Kaffeepflanzen, die den Fortbestand sichern.


Das kommt heraus, wenn man den Kaffee nicht trinkt, sondern ihn in feuchter Erde gedeihen lässt.


Während der Erntezeit (ca. Dezember-März) arbeiten insgesamt 1000 Menschen auf der Plantage. Die 200 Tonnen Bio-Kaffee werden überwiegend roh nach Nordamerika exportiert, zweitklassige Bohnen (solche die von der Erde aufgelesen wurden) werden lokal geröstet und an die Arbeiter verteilt.


Die Menschen, die als Farmer, Gärtner, Mechaniker oder gar Lehrer auf der Kooperativa arbeiten und leben, bekommen neben dem Haus auch lokalen Unterricht für ihre Kinder und kostenlose medizinische Versorgung.
Insgesamt hat uns die Plantage ausserordentlich beeindruckt. Was für ein Abenteuer muss es gewesen sein, innerhalb eines Jahrhunderts in mehreren Generationen solch eine Institution zu schaffen, die neben leckerem Bio-Kaffee auch noch das empfindliche Ökosystem des Nebelwaldes und die sozialen Belange der Arbeiter im Blick behält.




Natürlich gibt es auch lustige Tiere, die überall auf dem Gelände anzutreffen sind.



Tilia ist sich noch nicht sicher, ob sie in Gegenwart der Gänse Angst oder Freude empfinden sollte... auf Mamas sicherem Arm kann man sich mit der Entscheidung ja noch etwas Zeit lassen.


Für die Hochzeit der Ur-Enkel der ersten Kühls wurde diese urige Kapelle im Nebelwald errichtet. Es wirkt fast so, als wäre sie aus der feuchten Erde gewachsen.


Die wunderbaren Wanderwege und die üppig-grünen Parkanlagen des riesigen Areals lassen jedes Romantiker-Herz höher schlagen.











Trotz zweier Erholungstage, die sich die Patienten Tilia und Papa Paul gönnen mussten, hat uns der Aufenthalt sehr gefallen. Welch ein Genuss, nachts unter die kühle Decke zu schlüpfen und nicht sofort Bäche von Schweiß ins Bettlaken zu transpirieren. Welch Freude, selbst gegen Mittag noch ein kühles Lüftchen zu fühlen. Es verwundert nicht, dass sich die Auswanderer in diesem, im kühlsten Teil des Landes niedergelassen haben. Es wachsen hier zwar keine Eichen und es fließt auch kein Rhein, aber das süddeutsche Back- und Käsehandwerk bestehen auch nach fünf Generationen auf der anderen Seite des großen Teiches fort.




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