Von der ersten und bislang einzigen erwähnenswerten Krankheit erholt, verlassen wir schweren Herzens unsere "Schwarzwaldklinik" Monte Verde im bergigen Nordwesten und streben langsam aber beständig der Karibikküste entgegen. Unterwegs durchqueren wir das nicaraguanische "Cattle Country", welches von ausgedünntem Trockenwald und Viehherden geprägt ist.
In der Cowboystadt Juigalpa finden wir ein Low-Budget-Hotel, in dem nicht stundenweise abgerechnet wird, und verbringen einen sonnig-heißen Tag in der letzten großen Kleinstadt mit Zoobesuch und letzten Hamsterkäufen, bevor wir uns zu Lande und zu Wasser in den entlegensten Teil des Landes wagen: die Ostküste.

In unserem Hotel in Juigalpa verbringen wir zwei Nächte, wie sie unterschiedlicher nicht sein können: In der ersten Nacht müssen wir aufgrund der angespannten Belegungssituation mit einem fensterlosen Loch im Erdgeschoss vorlieb nehmen. Das schmuddelige Privatbad im Zimmer und die (viel zu laute und viel zu kalte) Klimaanlage rechtfertigen angeblich den "horrenden" Preis von 10 Euro, für uns drei wohlgemerkt.
In der folgenden Nacht dürfen wir aufsteigen- im wörtlichen und übertragenen Sinne: im ersten Stock ist ein sauberes Zimmer mit Ehebett und Fenster freigeworden. Eine toller Gemeinschaftsbalkon ist auch vor der Zimmertür. Obwohl das Zimmer um Welten angenehmer ist, schlägt es mangels Klimaanlage nur mit 8 Euro zu Buche. Verrückt! Das ist nur ein Beispiel dafür, dass die Preisbildung hierzulande für uns Euro-Gringos oftmals nur schwer nachvollziehbar ist.
Am Obststand eröffnet sich uns alltäglich ein Schlaraffenland mit durchaus nachvollziehbaren und verführerischen Konditionen: Bananan kosten 0,03 €, für einen Beutel mit 5 leckeren Mangos muss man 0,30 € berappen und eine große Ananas gibt es immer unter einem Euro. Noch. Denn je weiter man in die abgelegene Karibikprovinz vordringt, desto teurer wird das Leben. Also noch schnell ein paar Vitamine tanken!
Neben der schmucken Beton-Kathedrale einer christlichen Splittergruppe und den Läden mit Cowboystiefeln und feinen Sätteln gibt es in Juigalpa nicht viel zu sehen. Und so lassen wir uns mit schlechtem Tierschützergewissen zu einem Zoobesuch hinreißen. Wir finden die Käfige und Tiere in einem viel besseren Zustand, als wir es vermutet hätten, und so genießen wir die Affen und Vögel ebenso wie Tilia.
Das kreative Kunstwerk im Bild war einst ein Autoreifen, der nun zurechtgeschnitten und "auf links" gedreht als Blumenkübel dient. Tolle Idee!
Dieser lustige Kapuzineraffe ist mindestens so neugierig wie wir. Was das Tier wohl denkt? Vielleicht wundert er sich, dass das große Primatenweibchen zwar weniger, dafür aber längere Harre hat. ... komisch...
Der Schimpanse tut uns etwas leid. Diese intelligenten Tiere gehören nicht in den Zoo! Wir spielen mit ihm und animieren ihn, sogut es geht. Ich springe in affenartigen Bewegungen rings um den Käfig, und "Carlos" (so heißt dieser Vertreter unserer Vorfahren) folgt mir aufmerksam und amüsiert.
Die Krönung ist allerdings der Moment, in dem Carlos eine vom Pfleger zugeworfene Wasserflasche lässig mit einer Hand fängt, aufschraubt und sie, ohne einen Tropfen zu verschütten, genüsslich austrinkt.
Abends genießen wir einen feuerroten Sonnenuntergang- die satte Farbe verdankt das Tagesende den vielen Partikeln und Rußteilchen in der Luft. Auf dem Bild ist die bedauernswerte Hauptursache dafür zu sehen. Fast überall sieht man auf dem Lande kleine und größere Feuer, teils beabsichtigt, teils außer Kontrolle geraten, die sich jetzt am Ende der Trockenzeit schnell ausbreiten können. Der einstige üppige Trockenwald ist vielerorts den Bohnenfeldern und Rinderweiden gewichen. Erosion und eine unwiederbringliche Verarmung des Bodens sind die Folge.
Eine morgendliche mehrstündige Busfahrt bringt uns in die ländliche Kleinstadt El Rama. Hier enden alle befahrbaren Straßen und wir steigen auf das schwimmende Verkehrsmittel um. Uns erwartet eine rasante Bootstour, einer Achterbahnfahrt aehnelnd, in der wir die gleiche Distanz wie soeben mit dem Bus nun in der halben Zeit zurücklegen.
Der Yamaha-Aussenborder hat 250 PS unter der Haube und bringt uns und die restlichen 22 Passagiere in Gleitfahrt zur kreolischen Karibik-Hafenstadt Bluefields.
Als dieser Teil der Karibikküste noch ein von den Spaniern gemiedener malariaverseuchter Sumpf war, fanden in Bluefields regelmäßig Piraten ein sicheres Versteck. Auch der Namensgeber, Abrahaam Blaauwveldt, war ein holländischer Freibeuter. Heute bestimmen kleine Straßen mit lauten Moto-Taxis, Straßenimbisse mit Hühnchengrills und Wellblechdächer das Bild der Stadt.
Die einstige native Bevölkerung wird seit der Annektierung dieser Region durch Nicaragua Anfang des 20. Jahrhunderts heutzutage von der spanischsprachigen Bevölkerung zahlenmäßig übertroffen. Man weiß auch nie genau, ob man besser in Englisch oder Spanisch sprechen soll. Angenehmer ist Spanisch, denn das hier gesprochene kreolische Rama-Cay-Englisch ist etwas... nunja... gewöhnungsbedürftig. Hier ein paar Beispiele:
"Oh, dat nasty, man!"- Das ist super!
"Make i get tree of dem" - Geben sie mir drei [...Bananan...] davon.
"I no vex." - Ich bin nicht wuetend.
"No feel, no way!" - Mach dir keine Sorgen, ist schon in Ordnung.
"Check you than!" - Tschuess!
Tilia gefällt Bluefields auch- sie findet überall schnell interessierte Spielkameraden.
Doch allzulange vollen wir uns nicht in dem Tor zur richtigen Karibik aufhalten. Schon bald werden wir die "Rio Escondido" (hier im Hintergrund) besteigen und uns einer tollen Insel entgegenschaukeln lassen.
Im Hafen von Bluefields tummeln sich schwimmende Gefährte in allen erdenklichen Größen und Zuständen. Mit einem Schnellboot fahren wir zur vorgelagerten Fischerei- und Hafenhalbinsel "El Bluff"...
Dort hat im Herbst 1998 der Hurricane Mitch schwer gewütet und die Halbinsel zur Insel gemacht. Dank der holländischen Expertise in Sachen Wasserbau ist diese durchbrochene Verbindung zum Festland wieder hergestellt. Im Zuge des niederländischen Projektes wurden einige tausend Tetrapoden entlang der einstigen Verbindung versenkt, woraufhin sich über die Jahre wieder ein schmaler Streifen Sandstrand anlagerte. Dieser genuegte zwar für ein erfrischendes Bad, entsprach aber noch nicht ganz unseren karibischen Phantasien.
Darum folgen wir bald schon den sehnsüchtigen Blicken gen Osten, wo uns hinterm Horizont schon die Palmen und der weiße Korallenstrand erwarten...
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